Review zur Linkin-Park-Doku "Unshatter"

Sieben Jahre lang saßen Linkin Park-Fans auf dem Trockenen: Nach dem Suizid von Chester Bennington zogen sich die verbliebenen Mitglieder weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, nur vereinzelte Jubiläums-Reissues wurden über die Jahre veröffentlicht. Während man etwa von Gitarrist Brad Delson und Bassist Dave “Phoenix” Farrell wenig bis gar keine Updates in der langjährigen Pause bekam, zeigte sich Mike Shinoda offener: 2018 veröffentlichte er sein Soloalbum “Post Traumatic”, das sich auch als aktive Trauerarbeit bezeichnen lässt, und ging auf Tour. Eine Zeit, die er in “Unshatter” als “emotional extrem anstrengend” bezeichnet. Ab 2019 versiegt sein Tour-Wille. Es bleiben nur sporadische Single- und EP‑Veröffentlichungen. “Ich treibe aktuell einfach ziellos dahin”, sinniert Shinoda in einer Sequenz mit seinen Kollegen, kurz bevor sie einen Neubeginn von Linkin Park beschließen.
Ab hier nimmt “Unshatter” Fahrt auf: Die Außenwelt darf nun nachverfolgen, wie sich die Band wieder berappelt, ihre beiden neuen Mitglieder (sowie einen neuen Tourgitarristen) findet. Unter der Regie von Band-DJ Joe Hahn wird in knapp 110 Minuten die Frage beantwortet: Wie geht man einen Neubeginn an? Startet man unter einem neuen Namen? Spielt man alte Songs wieder live? Kann Shinoda als einziger Sänger den Platz von Bennington füllen? Letzteres wird gleich zu Beginn deutlich verneint, die Suche nach einer neuen Frontperson entbrennt. Öffentliche Ausschreibungen stehen dabei nicht zur Debatte. Bestenfalls soll sich die Neufindung organisch ergeben. Das Glück ist auf ihrer Seite: Durch gemeinsame Bekannte kommen Shinoda & Co. zunächst in Kontakt mit Colin Brittain, der die Band in einigen Songwriting-Sessions und als Schlagzeuger unterstützt. Brittain scheut sich nicht, sich als großer Fan der Band zu outen, und gibt ihnen noch vor seinem offiziellen Eintritt mit auf den Weg: “Die Welt ist ein besserer Ort, wenn ihr da seid.” Auch von der mittlerweile neuen Sängerin der Band, Emily Armstrong, ist Brittain längst Fan – allerdings ohne zu wissen, dass er die Sängerin von Dead Sara vor sich stehen hat. Glücklicherweise fängt die Kamera den Moment ein, als Brittain den Zusammenhang von Armstrong und Dead Sara bemerkt.
Nur einer von vielen emotionalen Momenten, der für feuchte Augen sorgt. Ein anderer ist, wenn der Moment des öffentlichen Comebacks in Form des Überraschungsauftritts in Los Angeles Anfang September 2024 noch einmal gemeinsam durchlebt wird. Dabei wird enthüllt, wer die Idee für den langwierigen Countdown im Vorfeld des Comebacks hatte: 100 Stunden lang zählt der Timer rückwärts. Beim Nullpunkt angelangt, begann die Uhr allerdings wieder hochzuzählen – ein erster Hinweis auf den Albumtitel “From Zero” – und wieder bis 100 hoch, bevor endlich bei der erneuten 100-Stunden-Marke der Startschuss für die Comeback-Show fällt. “Die Leute haben das geliebt”, kommentiert Delson und grinst.
Dass doch nicht alles rosig verläuft, wird zumindest am Rande thematisiert: Vor allem Armstrong spricht offen über Ängste und Sorgen, die mit ihrem Einstieg in die Band einhergehen. Dagegen (wenn auch wenig überraschend) nicht mit einem Wort erwähnt: ihre (ehemaligen) Verbindungen zu Scientology.
Unshatter / Band-Doku
Regie: Joe Hahn
Mit: Mike Shinoda, Emily Armstrong, Dave Farrell, Brad Delson, Joe Hahn, Colin Brittain
LUF, 107 Minuten
ab dem 30.09. im Kino
Chester Bennington kommt nur in einer Abschlusssequenz vor, dafür wird immerhin seiner Witwe Talinda im Abspann gedankt. Ebenso Schlagzeuger Rob Bourdon, der die Band nach dem Tod Benningtons verlässt, wird nur am Rande erwähnt. Der Fokus liegt klar auf der Gegenwart: Mit der Kintsugi-Praxis beschreibt Delson den Neustart der Band, dessen Erfolg durchschlagender ist, als Linkin Park erwartet hätten: weltweit ausverkaufte Stadiontourneen, während die Band und ihr Label zunächst 2024 selbst für die Buchungen großer Venues für ihre Shows bürgen muss. Zwischen all dem gibt es immer wieder rückblickende Sequenzen und Interview-Ausschnitte, die während der Album-Release-Show im November 2024 in São Paulo aufgenommen wurden. Dadurch bleiben die knapp zwei im dynamischen Flus, werden zum Fest für Fans.
10 / 12Der Beitrag Comeback-Countdown erschien zuerst auf VISIONS.de.

