Illertal FM · Unsere Heimat. Euer Zuhause. KontaktImpressum
← Alle News
Rock / Heavy Metal 04.09.2026

Farin Urlaub im Interview zum neuen Soloalbum: »Ich mag es, wenn mein Hirn mich überrascht.«

Farin Urlaub im Interview zum neuen Soloalbum: »Ich mag es, wenn mein Hirn mich überrascht.«

9. Juli 2026, Berlin, Franz-Mehring-Platz 1. Im geschichtsträchtigen Verlagshaus der ostdeutschen Tageszeitung Neues Deutschland dürfen heute erstmals wenige Menschen außerhalb von Farin Urlaubs engstem Kreis sein neues Album hören und danach mit ihm darüber sprechen. Per Paternoster geht es in die zweite Etage. Auf dem Flur gibt es klare Instruktionen und einen aus der Zeit gefallenen MP3-Player, bevor man es sich in einem schlichten Raum mit ebendiesem gemütlich machen kann. Ganz schön viel Aufriss für ein Album, das sein Urheber wenig später als absolutes Spaßprojekt beschreiben wird. Und als Privileg.

Eben erst ist Farin Urlaub von seiner letzten Reise zurückgekehrt. Am Wochenende wird er als Überraschungsgast mit den Toten Hosen im Olympiastadion auftreten. Aber jetzt muss er erst mal noch ein letztes von acht langen Interviews über die Bühne bringen. Doch was fragt man eine Person, die ganz offensichtlich Besseres mit ihrer Zeit anzufangen weiß, als über ihre Musik zu reden, am Ende eines langen Tages, an dem sie ebendies stundenlang tun musste? Wir beginnen nicht mit einer Frage, sondern mit einem Angebot: Sobald er vom journalistischen Ansatz genervt ist, darf er einen Joker ziehen und bekommt die Frage eines zehnjährigen Fans präsentiert. Urlaub grinst und winkt ab. „Das wird nicht pas­sieren. Ich darf ja über etwas reden, was mir Spaß macht.“ Und da er nicht nur bestens gelaunt, sondern auch neugierig ist, zieht er den Joker sofort.

Wie viele Bilder hast du zu Hause an der Wand hängen?

Farin Urlaub: Gar keine. Ich habe so weiße Wände, dass Leute, die mich noch nicht so lange kennen, mich immer fragen, ob ich denn bald mal was aufhängen würde. Im Keller stehen ganz tolle gerahmte Bilder, von mir und von anderen Fotografen. Aber sobald ich sie aufhänge, ist es mir unangenehm. Dann nehme ich sie wieder ab und alles ist gut.

Warum ist das so?

Meine Fantasie braucht Platz. Das Bild ist ja schon fertig. Das kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich liebe weiße Wände, weil sie mich wirklich inspirieren.

Wie oft bist du überhaupt zu Hause?

Es kommt immer darauf an, was so ansteht. Aber wenn ich im Jahr so zehn Prozent zu Hause bin, ist das schon viel.

Was ist am Reisen so inspirierend, dass du dort so kreativ bist?

Du bist außerhalb deiner Komfortzone. Das geht los bei der Nahrungsbeschaffung, beim Transport. Auch wenn ich viel reise, ist es immer wieder anders. Und das schiebt offenbar im Kopf etwas an, was dann in Musik mündet. Wie es genau funktioniert, will ich gar nicht zu sehr verstehen, um es nicht berechenbar zu machen. Ich mag es, wenn mein Hirn mich überrascht.

Reizt dich am Reisen auch die Anonymität?

Oh ja! Ich bin da nur der „awkward white man“ und muss die Leute dann vom Gegenteil überzeugen. Okay, white bin ich dann immer noch, aber vielleicht nicht ganz so awkward. Das macht dann Spaß.

»Wenn dieses Album ein Flop wird, bin ich auf eine Art richtig erleichtert.«

Farin Urlaub

Wann bist du denn von deiner letzten Reise zurückgekommen?

Vorgestern.

Und heute ging die Album-Promo los…

Und sie endet auch heute! Ganz geil, oder? [lacht]

Mit den Ärzten habt ihr euch so viele Freiheiten erspielt, du könntest auch ganz auf Promo verzichten, oder?

Das wäre halt nur arrogant.

Du hast Sorge, dass andere dich für arrogant halten?

Ich würde es von mir selbst arrogant finden. Interviews gehören halt dazu. Ich erkläre nicht gerne die Musik, die ich mache. Aber drüber zu reden, wie zum Beispiel der kreative Prozess war oder warum dieses und jenes so und so ist, das kann ich gerne machen. Außerdem erfahre ich auch was drüber. Ihr seid heute die ersten Außenstehenden, die das Album gehört haben, und natürlich interessiert mich die Reaktion.

Hast du auch Angst vor den Reaktionen?

Nein, hatte ich noch nie. Wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass meine Musik gut ist, würde ich sie nicht rausbringen. Wenn sie dann alle scheiße finden, heißt das ja nicht, dass sie schlecht ist. Am Ende des Tages mache ich die Musik für mich. Ich mache sie nicht, um ein Publikum zu erreichen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass es Leuten gefällt. Aber ich habe eine begrenzte Restlebenszeit und noch ganz viele Reisen, die ich machen muss. Wenn dieses Album ein Flop wird, bin ich auf eine Art erleichtert. Dann habe ich mehr Zeit zu reisen. Wunderbar! Es ist ja ein Luxus, dass ich überhaupt noch Musik mache. Und wenn ich sie mache, dann voller Hingabe – und die Songs sind die besten, die mir gerade eingefallen sind. Wenn sie euch nicht gefallen, dann halt nicht. Dann bin ich auch nicht beleidigt. Man weiß nie, wann der richtige Zeitpunkt ist, als Künstler aufzuhören. Dieses Album ist ein Testballon. Ob man noch relevant ist mit 62 Jahren? Ich weiß es nicht.

Reisen Reisen

Mehrfach war Farin Urlaub im Reise-Podcast von Michael Dietz und dem früheren VISIONS-Redakteur Jochen Schliemann zu Gast. Mit Letzterem begibt er sich von September bis Oktober auf Tour, um über seine jüngsten Erfahrungen in Afrika zu berichten.

Brauchst du das Publikum überhaupt?

Das Album war nicht geplant. Es war ein bisschen wie: Ups, ich bin schwanger! Ernsthaft. Ich habe letztes Jahr im Mai auf Reisen die Songs “Happy 2bD” und “999” geschrieben, die mir so viel Spaß gemacht haben, dass ich sie richtig aufnehmen wollte. Also „richtig“ in Anführungsstrichen. Die wollte ich dann einfach so raushauen, also alle paar Monate einen Song. Dann habe ich ein paar Monate gar nichts geschrieben und war dann woanders auf Reisen, wo mir jemand eine Gitarre geliehen hat. Irgendwann war ich bei zehn Songs und dachte: Okay, dann mache ich jetzt ein Album. Deswegen hat es auch nicht diesen Spannungsbogen. Es sind komplett einzelne Songs, weswegen sich die Themen auch manchmal überschneiden und manchmal völlig widersprüchlich sind. Es ist ein Zufallsalbum.

Beim Anhören habe ich mir mehrfach das Wort „unaufgeregt“ neben die Songs geschrieben.

Und jetzt weißt du, warum. Es war überhaupt kein Druck da. Wenn Die Ärzte, diese Maschine, ein Album machen wollen, dann ist Output gefragt. Dann brauchen wir Hits, wir brauchen gute Sounds und so weiter. Diesmal habe ich Songs geschrieben, die einfach so rausgekommen sind.

Und dir war sofort klar, dass du sie einem Publikum präsentieren willst?

Genau. Als mir dieses „I’m so happy to be deutsch“ kam, dachte ich sofort: Der ist speziell, den bringe ich jetzt raus.

Der Gedanke, sich mal wieder politisch äußern zu wollen, spielte bei dem Song keine Rolle?

Ich habe mir vorher gar keine Gedanken gemacht. Der kam einfach so. Ich versuche meine eigenen Hirnwindungen auch nicht zu überanalysieren. Wenn ich über etwas, das mir sehr am Herzen liegt, ein Lied machen will, mache ich das mit den Ärzten. Denn das ist das größere Forum. Die Solosongs hören halt nicht so viele Leute. Das ist einfach nur mein Rumgespinne. Also Songs, die ich gut finde und die jetzt nicht noch auf Bela und Rod warten können.

Weißt du noch genau, wo und wie “Happy 2bD” entstanden ist?

Ja. Aber das erzähle ich natürlich nicht.

Ich weiß, dass “Langweilig” bei einer Begegnung mit einer Raubkatze entstanden ist. Manchmal gibst du so etwas also schon preis.

Ja, aber erst viel später. Damals war ich in der Kalahari beim Holzsammeln. Das finde ich immer noch faszinierend: Wie konnte mein Gehirn in diesem Moment auf “Langweilig” kommen?

Warum möchtest du nichts Konkretes zur Entstehungssituation aktueller Songs erzählen?

Ich will nicht, dass Leute eine Verbindung zu irgendwas herstellen, das vielleicht gar nicht existent ist. Deswegen erkläre ich nur die Umstände, unter denen der größte Teil des Albums entstanden ist: Ich war unterwegs. Dadurch hatte es auch so eine gewisse Dringlichkeit. Ich musste es halt mit den vorhandenen Mitteln machen. Sich einschränken zu müssen, ist etwas total Schönes. Im Studio mit den Ärzten haben wir alles. Wenn wir sagen, wir brauchen ein Streichorchester, ist am nächsten oder spätestens am übernächsten Tag ein Streichorchester da und spielt, was wir wollen. Aber diesmal hatte ich nur mich, eine Gitarre, einen Bass und ein paar Percussion-Instrumente.

Und das Schlagzeug?

Alles programmiert. Ich hätte mir natürlich was organisieren können – ein Schlagzeug, ein Studio… Aber dann wäre die Spontanität auf der Strecke geblieben.

Ich nehme an, du kommst auf Reisen überwiegend privat unter. Dann schließt du dich ein und bittest die Nachbarn, leise zu sein?

Es gibt auf dem Album den Song “Totalschade”, in dem ich singe: „Manchmal denke ich gar nicht an Sex mit dir.“ Da waren die Nachbarn da. Den habe ich ganz untypisch leise gesungen, so dünn und zerbrechlich, wie ich sonst nicht singe. Das fand ich so charmant, dass ich ihn so gelassen habe. Bei “Happy 2bD” waren die Nachbarn auch da. Da habe ich die ganze Zeit gebrüllt und mich dann abends bei denen entschuldigt. Und die nur so: „Was hast du denn da gesungen?“ [lacht] Und ich so: „Äh, fragt nicht. Das ist nicht so gemeint.“

»Die Ärzte sind nicht so gut, wie sie erfolgreich sind.«

Farin Urlaub

Wie groß ist deine Sorge, missverstanden zu werden? Die Gefahr, etwas zu sagen, das negativ aufgenommen wird, ist ja heute deutlich größer als vor 15 Jahren.

Es gab einen fertigen Song für das Album, bei dem mein Gemüse-Team gesagt hat, dass es Bauchschmerzen habe. Da gab es eine Zeile, ein Wort, das man mir falsch auslegen könnte. Und ich so: „Okay, nehmen wir runter.“

Ohne Zögern?

Ohne Zögern. Ich habe ja erlebt, wie das dann ist. Dann geht es nicht mehr darum, wie ich es gemeint haben könnte. Es wird dann bewusst falsch verstanden, damit man was hat, worüber man sich aufregen kann. Deswegen habe ich ihn einfach rausgeschmissen. Fertig. Ich habe das auch in einem Song thematisiert, in “Kein Pardon”. Du kannst nicht mehr mit Argumenten kommen. Du hast verloren, denn du hast was falsch gemacht. Und wenn du deine Intention erklären willst, interessiert das nicht. Das habe ich durchgespielt, muss ich nicht noch mal haben.

Dass wegen der Kraft von Worten aufgepasst wird, kann man auch positiv sehen.

Klar, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt, dass wir aufpassen, was wir sagen, ist super. Das sollte jetzt kein Selbstmitleid sein. Ich hätte es in dem Song anders formulieren können, habe ich aber nicht gemacht, weil ich es nicht erkannt habe. Ich wünschte, es wäre mir früher aufgefallen.

Bist du dann peinlich berührt, wenn du merkst, dass du selbst nicht draufgekommen bist?

Nicht peinlich berührt. Früher war uns das völlig egal, weil die Gesellschaft eine andere war. Ich finde, in manchen Sachen sind wir vielleicht übers Ziel hinausgeschossen. Aber das ist nicht so wichtig wie, dass wir uns überhaupt bewegt haben als Gesellschaft. Ich habe mal eine Sendung über die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen gesehen, die in Taiwan Weltmeister wurden. Die wurden danach in Talkshows rumgereicht. Es war so widerlich, das zu sehen. Und dann habe mich daran erinnert, dass ich so was in den 70ern, wo ich ja schon ein denkendes Kind war, miterlebt habe. Ich bin heilfroh, dass wir da als Gesellschaft nicht mehr sind. Ich habe in den 80ern und 90ern auch Texte geschrieben, die heute nicht mehr gehen. Wir können das nicht ungeschehen machen. Die Lieder existieren, aber wir singen sie jetzt nicht mehr. Das ist eine schöne Entwicklung. Wenn ich mich dann jetzt bei einem Song, bei einem Wort, verhaue, dann ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, dass ich ihn nicht rausbringe. Wenn das die Gesellschaft besser macht, mache ich da gerne mit.

Lesen Lesen

Im Video zu “Sie” taucht Farin Urlaub zwei Sekunden auf, um ein Buch anzupreisen: “The Art Of Uncertainty” von David Spiegelhalter, der 2014 für seine Verdienste an der Statistik zum Ritter geschlagen wurde. In unserem Gespräch empfiehlt er noch “Germany – Memoirs Of A Nation” des Kulturhistorikers Neil MacGregor.

Meine Tochter und ich haben neulich alte Videoclips von euch geschaut.

Alle? Auch “Elke”?!

“Elke” nicht. Aber “Friedenspanzer”, in dem ihr durchgehend von vollbusigen Frauen umgeben seid.

Ich glaube, das war damals dieses Ding: Jetzt sind wir Rockstars, lass’ doch einfach mal so ein Video machen! Und ja, nee, das steht uns nicht.

Ich erinnere mich auch an ein Promo-Foto von Bela zwischen den Schenkeln einer Pornodarstellerin.

Heute ist Bela mit Abstand der Wokeste in unserer Band. Er bremst uns auch aus. Wenn Rod und ich mal Witze machen, wenn keiner zuhört, sagt er: „Nein, Jungs, ist vorbei.“ Und wir so: „Okay, du hast recht.“ Das macht er auch, wenn so etwas von anderen kommt. Da habe ich totalen Respekt vor ihm. Wir haben trotzdem noch unsere Insiderwitze. Die sind jetzt nur anders, eher männerfeindlich als alles andere.

Wie ist denn der neue Song “Sie” entstanden?

Da hatte ich zuerst nur Folgendes im Diktiergerät: „Sie steht einfach nur da – bam bam bam bam!“ [imitiert den Instrumentalpart] Und dann ist das Lied ein bisschen eskaliert.

Ich hätte getippt, dass du den Twist mit dem Preis an der Supermarktkasse und der Jahreszahl der Schlacht von Jargeau zuerst hattest.

Du weißt, dass die richtige Jahreszahl 1429 ist?

Mithilfe des Internets, ja. Das hat mich in der Vorbereitungszeit etwas ins Schwitzen gebracht: Warum singt er 1428, im Textblatt und im Netz steht aber 1429?

1428 ist die schönere Zahl. In dem Jahr war leider nur keine bekannte Schlacht. Und ich dachte mir, ich bin kein Geschichtsprofessor, ich darf singen, was ich will. Aber in dem Song war tatsächlich die erste Idee, dass sie einfach nur dasteht und dass sie so ein undefinierbarer Charakter ist. Sie ist nicht sexualisiert. Sie ist nicht begehrenswert. Sie ist einfach nur da. Und sie erklärt sich nicht. Sie schottet sich von der Außenwelt ab, aber am Ende bezahlt sie ja dann doch – 14,28 Euro. Irgendwann hatte ich dann das Gitarrensolo und dachte: Das ist so dick aufgetragen, da muss jetzt Mittelalter hin. Und dann kam die Schlacht dazu.

Zwischen den ersten beiden Singles erschien ein Song von dir mit den Toten Hosen. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet du mit “Hier sind die Hosen” den ersten Song ihres letzten Albums singst?

Das war Campinos Idee. Er rief mich an und meinte: „Pass auf, ich möchte, dass du unser letztes Album eröffnest.“ Und ich so: „Wie geil ist das denn?! Darf ich den Song auch schreiben?“ Und er: „Ich hatte gehofft, dass du das fragst.“ Er hatte nur den Wunsch, dass die Zeile „Hier sind die Hosen“ drin vorkommt. Großartig. Dann haben sie ihn nach meinen Vorgaben aufgenommen. Die Bläser und Streicher sind noch von meinem Demo. Weshalb ich auch als Sänger und Keyboarder gelistet bin, zum ersten Mal in meinem Leben, ich war so stolz! Campino singt nur das letzte „Für die Ewigkeit“, weil Kuddel im Studio zu ihm meinte, dass er zumindest irgendwas singen müsse, wenigstens den letzten Satz. Ich habe mir auch große Mühe gegeben, den Duktus und Pathos der Hosen unterzubringen, ohne mich drüber lustig zu machen. Ich liebe und respektiere die Band ja.

»Ich gehe seit zehn Jahren in denselben Supermarkt, und da hat mich erst einmal jemand erkannt.«

Farin Urlaub

Wie ist es nun, da die eine der zwei großen deutschen Punkbands aus den 80ern sich auflöst? Immerhin habt ihr zeitgleich angefangen.

Aber überleg mal, was wir ’87 gemacht haben: Wir haben eine Abschiedstour gemacht, ein Abschiedsalbum, ein Abschiedslivealbum, eine Abschiedsfernsehshow – und dann haben wir uns aufgelöst. Diesen ewigen Abschied mache ich nicht noch mal. Wenn wir uns verpissen, verpissen wir uns ganz unauffällig.

Aber das steht nicht zur Debatte?

Nein, bei uns steht gar nichts zur Debatte. Wir machen jetzt die Konzerte nächstes Jahr, auf die wir uns sehr freuen. Und dann mal gucken, ob wir da als Freunde auseinandergehen oder ob wir sagen, dass wir uns nie wieder sehen wollen. Ich denke, eher Ersteres.

Wie gut bist du darin, Probleme anzusprechen?

Wenn ich mit jemandem Beef habe, bin ich ziemlich berühmt dafür, dass ich sehr direkt damit umgehe. Deswegen bin ich auch derjenige in unserer Band, der immer vorgeschickt wird, wenn Leute entlassen werden müssen. Ich kann das eigentlich ganz gut. Persönlich habe ich aber wirklich selten Probleme mit Leuten.

Du entsprichst also wirklich dem Bild, das die Menschen von dir haben: meist gut drauf und keine Probleme mit irgendwem?

Was aber nicht heißt, dass andere keine Probleme mit mir haben, muss man fairerweise dazu sagen. Ich bin halt ein bisschen zu selbstbewusst für manche. Die schätzen das als Arroganz ein. Was mich gerade nicht freut, ist die geopolitische Situation, aber die hat in meinem Privatleben interessanterweise noch keine Relevanz. Es ist schon eine Gratwanderung, das alles wahrzunehmen, sich aber das tägliche Leben davon nicht versauen zu lassen. Ein bisschen schizophren. Ich kann auch im größten Drama privat glücklich sein. Das schließt sich ja idiotischerweise nicht aus.

#Olivenlord

In seinem Rückzugsort Sizilien kümmert sich Farin Urlaub mit dort ansässigen Freunden um eine Olivenplantage, die in geringen Stückzahlen Olivenöl herstellt, nachhaltig pro­duziert und EU-bio-zertifiziert. Wer Interesse hat, sucht im Netz nach Stella Maris Olio oder dem Hashtag „Olivenlord“.

Wo kommt deine Positivität her?

Zum Teil ist sie angeboren. Ich war schon als Jugendlicher der Meinung, dass mein Leben irgendwie schon ganz cool ist. Auch weil ich sehr früh angefangen habe, das Reisen zu lieben. Zum Beispiel mit 14 ganz verstohlen mit meinem besten Freund: Er hat gesagt, er pennt über Pfingsten bei mir. Ich habe gesagt, ich penne bei ihm. Und dann sind wir nach Paris getrampt. Ich bin durch das Reisen trainiert, mit Ungewissheit zu leben. Ich fahre gerne in Gegenden, wo es eben nicht klar ist, wie der morgige Tag ausgeht. Und dann muss man erleben, immer wieder, dass es meistens doch gut geht. Ich lebe ja noch. Dadurch fasst man irgendwann mehr Vertrauen. Auch abseits der Musik habe ich unfassbar viele positive Erlebnisse in meinem Leben gehabt. Stell dir vor, du bist zwölf und spielst Gitarre und sagst dir: Irgendwann mache ich mal Musik und dann kommen vielleicht auch ein paar Leute, die sich das anhören wollen. Dann spielst du dreimal den Tempelhof in Berlin. Dieses Übererfüllen der eigenen Träume und Ambitionen, das trägt auch sehr zur Zufriedenheit bei.

Welches Gefühl macht sich breit, wenn du an die Vergangenheit denkst?

Demut. Ich bin sehr, sehr dankbar für das, was mir da widerfahren ist, und weiß auch, dass es keine logische Rechtfertigung dafür gibt. Es gibt Leute, die sagen, wir seien eben gut. Aber wir sind nicht so gut, wie wir erfolgreich sind. Das muss man ehrlich sagen. Es gibt Künstler, die ich total bewundere, zu denen aber niemand kommt. Und unsere kommende Tour war innerhalb von Stunden ausverkauft.

Teilweise innerhalb von Minuten. Ich spreche aus Erfahrung.

Ja, ich auch.

Du hast versucht, Tickets für eure Tour zu kaufen?

Ja. Ich habe aus Spaß versucht, für eins der vier Berlin-Konzerte Tickets zu bekommen. Ich wollte einfach mal wissen, wie das so ist. Jetzt weiß ich: Man hat überhaupt keine Chance. Krass. Da fühle ich mit. Aber das steht ja in keinem Verhältnis zu meiner Lebensrealität. Da bin ich mit meinen zwei Kumpels, wir gehen auf eine Bühne und stehen vor Leuten, die das sehen wollen. Immer noch. Wir sind mittlerweile über 60. Dann denkst du dir: Wer hat dir das denn geschenkt? Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu. Wir dachten schon 1985, wir hätten den Zenit erreicht.

Wie gehst du denn damit um, als Mensch so überhöht zu werden?

Ich entziehe mich dem. Ich bin ja nicht da, wo man mich überhöhen könnte. Ich gehe nicht in Talkshows oder so. Ich tauche auf, wenn wir Konzerte spielen, wenn ich was zu promoten habe. Ansonsten bin ich auf Reisen, bei meinen Oliven oder zu Hause. Ich gehe nicht rum und genieße meine Prominenz. Die interessiert mich ehrlich gesagt nicht.

Aber wenn du durch Berlin läufst…

…interessiert sich keine Sau für mich. Und wenn doch, sind es schöne Erlebnisse. Gestern war ich auf einem Konzert, und da strahlte mich eine junge Frau an. Sie trug ein “Bitte Bitte”-Shirt. Und ich so: „Tolles Shirt!“ Das war schon alles. Ich gehe seit zehn Jahren in denselben Supermarkt, und da hat mich erst einmal jemand erkannt. Ein Kind schob den Einkaufswagen gefährlich nah an mich ran und dann hörte ich die Mutter sagen: „Du willst dem Mann jetzt aber nicht in die Hacken fahren. Der muss nächste Woche im Tempelhof spielen.“ Da dachte ich: Okay, sie erkennen mich vielleicht doch ab und zu.

Der Beitrag <img class="visions-plus aboplus-fahne" src="https://www.visions.de/wp-content/plugins/item-plenigo/img/visions_plus.svg"> »Ich mag es, wenn mein Hirn mich überrascht« erschien zuerst auf VISIONS.de.

🎬 Video

Zum Originalartikel →

Diesen Artikel teilen:

FacebookWhatsApp

Weitere Beiträge

Illertal FM Live
Bereit zum Abspielen
0:00
0:00
LIVE