Bei Disney+: Ich war nie großer Fan der Coen-Brüder, aber dann haben sie einen Film gedreht, den ich von Herzen liebe

Wer denkt, dass man pure Kälte am besten in dramatischen Überlebens-Thrillern wie The Revenant und Co. spüren kann, hat noch nie diesen Film gesehen. Wenn ich ihn schaue, friere ich. Die Eiseskälte geht mir dann bis in die Knochen. Die Coen-Brüder machen etwas mit mir, das ich nie ganz erklären kann. Nur, um mich dann wie mit einer wohlig-weichen Decke wieder aufzuwärmen.
Inside Llewyn Davis streamt seit Kurzem bei Disney+ im Abo. Er ist mein liebster Film von Joel und Ethan Coen. Und das, obwohl er mich völlig fertig macht. Aber er schafft es immer wieder, mich auf einer tiefen Ebene zu berühren wie kaum ein anderer Film der beiden. Tröstlich, niederschmetternd und von einer unerwarteten Zärtlichkeit und Schönheit erfüllt. Schwer zu verstehen? Lasst mich das erklären.
In Inside Llewyn Davis sucht Oscar Isaac als einsamer Folk-Musiker verzweifelt nach dem Durchbruch
Llewyn Davis (Oscar Isaac) hat die Stimme eines Engels, beherrscht seine Gitarre meisterhaft und kann gute Songtexte schreiben. Trotzdem läuft in seiner "Karriere" als Folk-Musiker in der New Yorker Musikszene nichts mehr, wie es soll. Ursprünglich hatte er einen Partner, war Teil eines Duos. Doch das ist Geschichte. Seither stolpert Llewyn planlos, heimatlos und pleite durch die Abende.
Jeden Abend schläft er auf irgendjemandes Couch, tappt von einem Chaos ins nächste und weiß irgendwie nicht so recht, wohin mit sich. Als er dann auch noch mit mehreren Erkenntnissen aus seinem Umfeld konfrontiert wird, scheint plötzlich nur noch eines möglich: Flucht. Flucht nach vorn, um irgendwie einen letzten Versuch für den Traum vom Musikerdasein zu starten.
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Inside Llewyn Davis bei Amazon Prime ist ehrlich, bitter und wunderschön wie kein anderer Coen-Film
Inside Llewyn Davis ist einerseits auf dem Papier ein absolut typischer Film für die Coens. Sein Protagonist mäandert auf einer komischen Reise ohne Anfang und Ende umher, der Humor ist schwarz und bissig, die Bilder eigen- und einzigartig, die Figuren verschroben. Andererseits besitzt er wie mein zweitliebster Coen-Film, A Serious Man, irgendwie mehr Herz, mehr Bitterkeit und Kälte, aber auch mehr Süße und Wärme.
Er ist leiser und weniger chaotisch als andere Vorzeigewerke der beiden Regisseure. Und das will schon was heißen. Schließlich reden wir hier über den Mann, der einen halben Film lang mit Katze unterm Arm durch die New Yorker Bohème- und Folk-Szene tingelt. Da ist Irrsinn obligatorisch. Aber gerade Isaacs Performance packt mich seelisch mit all ihrer Melancholie. Wenn er singt, bricht mein Herz in tausend Stücke. Auf gute Weise.
Es muss die Musik sein. Die Folk-Musik der 60er Jahre mit all ihrer Schwermut treibt den Film an wie ein Motor, genauso wie der Wunsch nach Veränderung. Das inszenieren die Coens mit einem umwerfenden, göttlich singenden Isaac bis zur Perfektion. Mit cleverem Kommentar, viel Liebe zur Musik und dem Mut zum Anecken. Ein Film gewordenes Bob Dylan-Album, irgendwie. Nur besser.
Wer die Coens mag, kann hier ohnehin nichts falsch machen. Wer sie nicht mag, könnte hier eine Ausnahme finden. Und alle anderen sollten allein für Isaacs Leistung einmal bei Disney+ reinschauen.



